30 Zentimeter über dem Boden – Kurt Wachkamp gehört zu den weltbesten Strandseglern
Kurt Wachkamp steckt mit der Begeisterung für seine Sportart an. So sehr, dass auch sein Besucher vom Frühaufsteher in den schmalen, zigarrenförmigen Korpus, den sogenannten „Body“ schlüpft (oder besser gesagt sich hinein zwängt), als es ihm vom 60-Jährigen angeboten wird.
Mächtig eng ist es für den Ungeübten, ganz anders als für Wachkamp. Doch der hält sich ja auch fit („In Hattingen im Reha-Zentrum Ortho-Mobile, da möchte ich einfach mal ganz besonders drauf hinweisen“), um beim Strandsegeln Höchstleistungen bringen zu können.
Das gelingt ihm – und zwar auf atemberaubende Weise: Er schrammte bei den Weltmeisterschaften 2010 zwar knapp an einer Einzel-Medaille vorbei, doch im Team sicherte er sich Bronze. Sich den Naturgewalten, beinahe auf dem Boden liegend, auszuliefern, das nahm er erstmals bewusst im Jahre 2003 bei einem Urlaub in der Bretagne, wo Familie Wachkamp ein Ferienhaus besitzt, wahr. Seitdem hat ihn der Reiz und das Ungewöhnliche dieses Sports gepackt, für den es in Deutschland eigentlich nur in St. Peter Ording beste Voraussetzungen gibt: „Denn da ist die Länge des Strandes wichtig, nicht die Breite.“ Kleinere Klassen werden teilweise auch auf den Nordseeinseln gefahren, doch in der Klasse 3, der „Formel 1“ für Strandsegler, in der Geschwindigkeiten bis zu 120 km/h erreicht werden, und der Klasse 2 (Segelfläche bis 11,30 Quadratmeter, Breite bis zu 3,60 m, Länge bis 4,15 m), in der Wachkamp losbraust, gibt es die besten Bedingungen einfach am St. Peter Ordinger Südstrand.
Die Faszination seines Sportes, für den ein Pilotenschein für das Strandsegeln erforderlich ist, teilt der Architekt im Vorruhestand in zwei Komponenten ein: „Da ist zuerst einmal die Geschwindigkeit. Dreimal so schnell wie der Wind, und das nur 30 Zentimeter über dem Boden, mit 80 bis 90 km/h über den Strand rasend. Das ist ein unglaublich tolles Gefühl, ein Rausch, dem man erliegt. Und das Ganze allein durch Naturkräfte, was es noch faszinierender macht. Dazu kommt die sinnliche Seite: Auch bei wenig Wind, einfach in den Sonnenuntergang hineinzufahren, man hört nur das Knacken der Muscheln unter den Reifen. Einmalig!“
G-5 ist seine Segelnummer, die er bei Wettbewerben fährt, sein windgetriebenes Gefährt ist zudem schon von weitem erkennbar, da es eine besondere Zierde an der Seite des „Bodys“ hat: die Punkte dort stellen die Schüsse am Anfang der alten James-Bond-Streifen dar und stilisieren trefflich, worin sich Wachkamp, der zuvor als ganz normaler Segler auf dem Wasser schon Erfahrungen sammelte und beste Voraussetzungen für die Variante auf dem Strand schuf, fortbewegt – in einem „Geschoss“ eben.
Das bewegte sich im übrigen auch bei der Weltmeisterschaft im belgischen De Panne sehr schnell und im Wettbewerb mit der Konkurrenz gut platziert. Doch was er sich in den ersten Rennen an guter Ausgangsposition erarbeitete, beendete ein von Wachkamp verschuldeter Unfall im fünften Durchgang – so reichte es im „Einzel“ in der Endabrechnung „nur“ zum vierten Platz, wofür ihn aber Rang drei im Team doch noch hinreichend entschädigte. Und auch die einmalige Atmosphäre unter den Kontrahenten, die sich, zumeist jünger als Wachkamp, aber doch als eine großes Familie verstehen. Und die zusammen bei den Wettbewerben auch viel in der Welt herumkommen. So beispielsweise in Patagonien (Argentinien) vor rund 10.000 Zuschauern, aber auch in der Bucht von Liverpool, an niederländischen, französischen, belgischen und dänischen Küsten, und demnächst bei Großveranstaltungen wohl auch in Nordafrika, USA und Neuseeland.
Allerdings tendieren die Trainingsmöglichkeiten, um sich optimal vorzubereiten, für Kurt Wachkamp im Hattinger Umfeld eher gen Null: „Im Wald und auf Wiesen ist da nichts möglich. Flugplätze würden sich eignen, aber erlaubt ist das wohl nicht. Die Amerikaner haben ihre Salzseen, die können bestens trainieren.“ Doch Wachkamp macht das eben, wenn möglich, alle zwei Wochen in St. Peter Ording. Und wenn Sie, lieber Frühaufsteher-Leser, ihn dort mit seinem Gefährt am Strand sehen, gehen Sie ruhig etwas näher ran und sprechen ihn an. Denn fast nichts bereitet dem 60-Jährigen mehr Spaß, als interessierte Menschen einsteigen und ausprobieren zu lassen, um ihnen die Faszination zu vermitteln, die er empfindet.
greis
Übrigens …
• … Kurt Wachkamp kommt offensichtlich am und auf dem Wasser bestens zurecht. Vor den Olympischen Spielen 1972 stand er sogar kurz vor dem Sprung ins Team der Wildwasser-Kanuten. Er scheiterte jedoch knapp an der Qualifikation und entschied sich daher, seinen Schwerpunkt erst einmal aufs Studium zu legen.
• … Verheiratet ist der Vater zweier Töchter mit Beate, die auch immer dabei ist, wenn er über den Strand braust. Da ist sie häufig für die korrekte Wegweisung zuständig: „Pointer Sisters wird sie dann mit ihren Mitstreiterinnen genannt.“
Ganz privat
Lieblingsmusik: Klassische Musik von Händel, außerdem Oldies
Lieblingsfarbe: Türkis
Lieblingsessen: Fisch aller Art, Krustentiere, Austern
schönster Urlaub: Bretagne
beste Eigenschaften: Zielstrebigkeit

