Ilona Schneider macht sich Gedanken über die Zukunft der klassischen Reiterei
Es ist kurz nach neun Uhr, als ich mich an diesem Morgen in der Halle 1A auf der EQUITANA mit Ilona Schneider treffe.
Die Besucher müssen noch eine knappe Stunde vor den Messetoren auf Einlass warten. Zeit für uns, über Pferde, Menschen, Reiter, Krankheiten und sonst noch was zu reden. Ilona Schneider steht im Vorführring und longiert, das heißt, sie trainiert mit einem Pferd vom Boden aus an der langen Leine, der sogenannten Longe. Ruhig tut sie dieses, mit viel Einfühlungsvermögen, und man erkennt sofort, dass ihr diese Arbeit Spaß macht. Im Gespräch will ich mehr erfahren über diese Frau, die im Reitverein Dumberg andere, sanfte Wege in der Reiterei beschreitet.
„Mit dem Reiten fing ich erst mit 13 Jahren an, da meine Eltern mir vorher keine Reitstunden bezahlen konnten“, so Schneider. In diesem Alter haben andere Mädchen oft schon mit einem eigenen Pferd oder Pony Erfolge auf Turnieren. „Meine ersten Reitstunden nahm ich in einer eher mittelmäßigen Reitschule, in der – wie in fast allen Reitvereinen zur damaligen Zeit – noch der alte Kavallerie-Ton herrschte.“ Aber Reiten lernt man nur durch reiten, wie ein altes Sprichwort sagt. Und so verbrachte Ilona Schneider jede freie Minute bei und mit „ihren“ geliebten Pferden. „Ich verdiente mir meine Reitstunden zum Teil selbst, indem ich bei der Stallarbeit half. Mit 19 konnte ich mir von meinem ersparten Geld mein erstes eigenes Pferd kaufen.“ Vorher hatte Ilona Schneider allerdings einen Schicksalsschlag hinnehmen müssen. Mit 16 Jahren diagnostizierten die Ärzte bei ihr Krebs, welcher aber mit Erfolg therapiert werden konnte. Kaum von der schweren Krankheit genesen, stieg sie wieder aufs Pferd, und irgendwann war ihr klar, dass sie ihr Hobby zum Beruf machen wollte. Aber wie Eltern nun einmal so sind, musste zuerst ein „anständiger Beruf“ erlernt werden. Dieses tat sie in Form einer Lehre in der Chirurgischen Medizin. Eine Ausbildung, welche ihr heute bei der Arbeit mit Pferd und Reiter eine ungeheure Hilfe ist. „Durch meine medizinische Ausbildung erkannte ich irgendwann, dass die Bewegungsabläufe von Reiter und Pferd absolut gegensätzlich sind, der Körper eines Pferdes nicht zum Reiten geboren ist.“ Ilona Schneider suchte und fand Hilfe. Mit Claus Meiners-Pilz, einem international erfahrenen Ausbilder, hatte sie einen Trainer, der sie lehrte, umzudenken und neue – pferdegerechte – Wege zu gehen. Diese Wege führten sie unter anderem auch nach Spanien, wo sie durch Rafael Soto, Mitglied der spanischen Olympia Equipe, nicht nur die klassische spanische Reitweise erlernte, sondern auch ihre Liebe zu den Pferden der Rasse PURA RAZA ESPANOL (PRE) entdeckte. 2005 kam Ilona Schneider als Reitlehrerin nach Niederwenigern zum Reitverein Dumberg. Hier steht auch einer dieser edlen PRE-Hengste, der 14-jährige CATAN, der bereits vor zwei Jahren auf der Equitana von den Besuchern in der HOP-TOP SHOW bewundert werden durfte. Und auch ihr ehemaliges Sorgenkind „Daukus Carrottus“ – die wilde Karotte. Den Wallach bekam Ilona Schneider in einem Zustand, der als mehr als erbärmlich zu beschreiben ist, scheu vor Menschen, abgemagert, und das Maul von einem Gebiss aus Stacheldraht zerschunden. Schneider nahm sich des armen Kerls an – und machte aus ihm ein erfolgreiches S-Klasse Turnierpferd.
„Wenn ich meinen Schülern erkläre, warum sie etwas ‚so‘ machen sollen, bekommen sie ein völlig anderes Verständnis für den Partner ‚Pferd‘“, diese Erfahrungen gibt Ilona Schneider auch gerne an die Jugendlichen des Vereins weiter. Das Training mit der zwölfköpfigen Turnierabteilung (neun Mädchen und drei Jungen), welche unter ihrer Regie erfolgreich bis Klasse A an den Start geht, ist eine Abwechslung zur täglichen Arbeit auf der Reitanlage. Außer auf ihren Lebensgefährten Sascha Fröhlich kann sich Ilona Schneider auch zu 100 Prozent auf Ihre „rechte Hand“ Constanze (Conny) Krahn verlassen, die auch bei Schneiders Abwesenheit dafür sorgt, dass im Stall alles geordnet läuft.
Das Pferd ist ein Spiegel, der Deine gute und schlechte Laune unverfälscht widerspiegelt. Willst Du wissen, wer Du bist? Schau in die Augen Deines Pferdes, doch erschrecke nicht über die Wahrheit!
Wie sieht sie die Zukunft der klassischen Reiterei? „Mit der Reitweise, wie ich sie heute betreibe, hätte – zurzeit noch – kein Reiter auf einem Turnier eine Chance, irgendeine Platzierung zu erringen“ sagt Schneider, die früher selbst auf Turnieren in den höchsten Dressurklassen erfolgreich war. Sie hoffe, so sagt sie, dass eines Tages auch bei den Turnierrichtern der Wandel vollzogen sein wird und Reiter, welche diese neue, sanfte Reitweise praktizieren, ihren Platz auf den vorderen Rängen einnehmen dürfen.
Auf dem Weg dahin ist sie nicht alleine. Mit dem international bekannten Dressurausbilder und Buchautor Horst Becker, der sie auch dazu ermutigte, mit ihm auf der Equitana ihre gemeinsamen Ansichten einem breiten Publikum darzulegen, wird Ilona Schneider in Zukunft durch die Reiterrepublik touren, um auf Seminaren ihre Erfahrungen anderen „Pferdemenschen“ mitzuteilen. „Einem Reiter, der sagt, er brauche nichts mehr zu lernen, fehlt etwas ganz Entscheidendes: Demut – denn Hochmut ist hier fehl am Platz.“
ara
Ganz privat
Lieblingsmusik: Ich & Ich, Unheilig, Udo (Lindenberg)
Lieblingsfarbe: Pastelltöne und weiß
Lieblingsessen: Nudeln in allen Variationen (vegetarisch)
Hobbys: Lesen (Karin Slaughter), Malen
schönster Urlaub: Kreuzfahrt mit Udo Lindenberg auf der TUI/Rockliner
beste Eigenschaften: Einfühlungsvermögen, Kreativität

