Der Heilige Georg

Hattinger Stadtwappen

Hattinger Stadtwappen

Profile der Region, dafür steht der Frühaufsteher. Sie, liebe Leserinnen und Leser, lernen Menschen aus Ihrer unmittelbaren Umgebung kennen, die alle ganz unterschiedlich sind und eines gemeinsam haben: Sie tragen auf ihre persönliche Art und Weise dazu bei, unsere Stadt und ihre Umgebung lebenswert zu gestalten.
Doch gerade Hattingen lebt ja nicht „nur“ durch die Menschen, die heute Profil zeigen. Was wäre unsere Stadt ohne ihre Geschichte und ohne ihre Altstadt?
Interessant sind nicht nur alte Häuser, sondern alle, die je hier gelebt haben oder auch nur auf der Durchreise waren. Sie haben ihr Wesen oder Unwesen getrieben, existierten ganz real oder auch nur in der zu allen Zeitaltern heftig blühenden Fantasie der hier lebenden Menschen.
Neben den heutigen Profilen der Region lernen Sie nun jeden Monat ein historisches oder sagenhaftes Profil kennen.
Viele Namen hat man schon einmal gehört, vielleicht auch einmal nachgelesen. Oft weiß man – uns geht es jedenfalls so – nicht mehr ganz genau, was sich hinter einer Sagengestalt, einer historischen Persönlichkeit oder dem Namensgeber für ein Denkmal verbirgt.
Den Anfang macht heute der Heilige Georg, der das Hattinger Stadtwappen ziert. Wir haben ihn gebeten, uns noch einmal selbst zu erzählen, warum Hattingen auf den Drachen kam und worin genau die Georgsche Heldentat bestand.

Mit dem Heiligen Georg im Gespräch

Georg kam natürlich inkognito. Wir trafen uns in einem Hattinger Café und plauderten ein wenig über vergangene Zeiten:
„Ganz schön viele Touristen hier“, wundert sich der Heilige Georg und erkundigt sich, ob es nicht einen nach ihm benannten Eisbecher oder einen Sankt-Georg-Kuchen gibt. Die freundliche Bedienung verneint, aber der Drachentöter nimmt es nicht persönlich, immerhin hat er soeben die Sankt-Georg-Straße passiert, und das stimmt ihn milde. Das ganze Viertel ist nach ihm benannt, eine Kirche, eine Schule, und gemalt verschönt er eine Fassade – der Frühaufsteher berichtete.
„Auch ein tapferer, heiliger Mann ist also nicht ganz frei von Eitelkeiten“, necke ich ihn, und er wird tatsächlich ein bisschen verlegen.
„Ich bin ja nicht nur zu meinem Vergnügen hier“, wird er sachlich, „schließlich wollen Sie von mir ja hören, was das mit dem Drachen eigentlich auf sich hat. Ich habe gleich noch ein paar andere Interview-Termine“.
„Gerne, dann erzählen Sie bitte von Ihrer Heldentat“, bittet die Frühaufsteherin.

Gehen Sie nicht über Los: Monopoly mit Drachen

„Also, in einem See in der Nähe von Beirut – aber vielleicht war es auch die Ruhr bei Hattingen, wer will das heute noch so genau wissen – lebte ein Drache. Nichts und niemand war vor ihm sicher, zu Wasser wie zu Land. Bis vor die Tore der Stadt kam das Ungeheuer.“
„Ganz schön bedrohlich“, werfe ich ein.
„Na klar, und nicht nur das“, sagt mein ungewöhnlicher Gesprächspartner. „So ein Drache hat einen Mundgeruch, der verpestet die ganze Region. Da fallen Ihre Profile der Region reihenweise vom Hocker“, kichert Georg.
„Wenn der Drache dann so vor den Stadttoren stand, ging er natürlich nicht wieder ohne Tribut. Zwei Schafe täglich erpresste er von den armen Bewohnern. Irgendwann gab es keine Schafe mehr. Was tun, fragten die Menschen das Orakel.“
„Und was wurde ihnen geraten?“, bin ich gespannt.
„Die Antwort lautete: Menschenopfer. Das Los sollte sie bestimmen.“
„Gehen Sie nicht über Los“, murmele ich.
„Was?“, fragt Georg.
„Ach, tut nichts zur Sache, fahren Sie fort!“

Frühe Zivilcourage Georg sei Dank …

Malerwinkel

Malerwinkel mit Blick auf die St.-Georgs-Kirche

„Damals gab es große Standesunterschiede zwischen den Menschen. Aber nicht für das Los – es traf eines Tages auch die Königstochter Margarete. Davon wollte der König nichts wissen, keine Frage, aber das Volk machte nicht mit und wollte das Schloss in Brand stecken. Völlig aufgelöst ergab sich der König in sein Schicksal und lieferte seine festlich gekleidete Tochter dem Drachen aus.“
„Weiter, machen Sie es nicht so spannend“, drängele ich.
„An der Opferstätte lehnte sich Margarete weinend an einen Felsen. Und da komme ich ins Spiel“, berichtet Georg stolz, und wer wollte es ihm verdenken.
„Ich habe sie gefragt, warum sie weint, und sie erzählt mir von ihrem furchtbaren Schicksal. Ehrlich gesagt, ich habe ganz kurz überlegt, ob ich nicht einfach weiterreiten sollte, mit den ganzen Kreuzzügen und so hatte ich wirklich viel zu tun, und genau wie heute gingen auch schon damals Menschen einfach weiter, anstatt zu helfen. Aber es war nur ein ganz kleiner Augenblick“, schwört der Mann der frühen Zivilcourage.
„Gut gemacht“, lobe ich ihn.
„Danke, danke. Auch ein Held braucht Lob, glauben Sie mir. Ich stehe ihr also zur Seite und harre der Dinge, die da kommen, und auf einmal kocht der See förmlich: Heraus kommt der Drache, teilt die Wellen, zischend verpestet er die Luft, Margarete schreit entsetzt auf. Da habe ich sie beruhigt, bin auf mein Pferd gestiegen, habe ein Stoßgebet zum Himmel geschickt und mit der Lanze zugestochen.“

… und eine Tafel gab es auch schon

„War der Drache sofort tot?“, will ich wissen.
„Nein, nein, ich ließ Margarete ihren Gürtel ab- und dem Drachen um den Hals legen. Wie diese Hunde, die hier überall herum wuseln, so führte sie ihn an der Leine und brachte ihn in die dankbare Stadt.
„Da war die Margarete auch ganz schön beherzt“, meine ich, „sie wusste ja nicht so recht, wie das Ungeheuer sich gebärden würde.
„Ach, da hatte sie wohl schon so viel Vertrauen zu mir gefasst, da fürchtete sie sich vor nichts und niemandem mehr“, brüstet sich Georg. Eigenlob darf es natürlich auch einmal sein!
„Ich habe dann überlegt, was als Nächstes zu tun wäre. Den Drachen einfach so abzustechen, war mir irgendwie nicht genug. Glaubt an Gott, sprach ich also zum Volk in der Stadt, dann mache ich dem Ungeheuer den Garaus. Der König ließ sich taufen und zigtausende Menschen mit ihm. Er, der König, wollte mich mit Ehren und Schätzen überhäufen, aber das ließ ich an die Armen verteilen. Sehen Sie, damals gab es also auch schon eine Tafel“, freut sich Georg noch heute. „Und nach dieser kleinen Unterbrechung zog ich weiter meines Weges.“

Und wie kommt Hattingen auf den Drachen?

„Das ist sehr beeindruckend“, finde ich, „allerdings scheint es doch nicht die Ruhr bei Hattingen gewesen zu sein. Wieso haben die Hattinger Sie dann für ihr Wappen erwählt?“
„Ende des 19. Jahrhunderts“, erklärt mir Georg, „wurden die Wappen der westfälischen Städte geprüft. In Münster gibt es ein Staatsarchiv. Die meinten, für Hattingen gebe es kein altes Wappen, aber ein altes Siegelzeichen mit mir zu Pferde, den, wie es heißt, Lindwurm mit einer Lanze erlegend. Das wäre doch schön für Hattingen. Rot und Silber haben die Münsteraner empfohlen, alte westfälische Farben, aber das gefiel mir nicht. Meine Lieblingsfarben sind nun einmal Blau und Gelb. Und die Drachen – Lindwürmer, ha ha, das hört sich so niedlich an – wurden sowieso immer in Grün gezeichnet.“
„Sehr interessant, vielen Dank. Heute haben wir in Hattingen keine Drachen mehr, die uns quälen“, schließe ich das Gespräch ab.
„Höchstens finanzielle, habe ich gehört“, lächelt der Heilige Georg. „Aber da kann ich nichts machen, da müsst Ihr schon alleine mit fertig werden. Das schafft Ihr auch ohne mich. Es war nett in der Gegenwart, auf Wiedersehen.“
Und wenn er Zeit hat, schaut er auf dem Altstadtfest vorbei!

pgs

Ganz privat
Lieblingsmusik: Drachenfauchen und die Glocken der Sankt-Georg-Kirche
Lieblingsfarbe: Die Farben des Hattinger Stadtwappens
Lieblingsessen: Da wünsche ich mir einen Sankt-Georg-Kuchen
Hobbys: Das Beschützen edler Jungfrauen
schönster Urlaub: Dauerferien in Hattingen
beste Eigenschaften: Tapferkeit