[ Porträt unseres neuen Comic-Helden Friedrich Graf von Isenberg. ]
Ein ganz besonderer Gesprächspartner
Friedrich Graf von Isenberg
Als „Frühaufsteherin“ ist man natürlich auch einmal spät unterwegs. Ich erinnere mich an einen schönen Sommerabend im vergangenen Jahr bei der DLRG Hattingen-Süd unterhalb der Isenburg.
In die gleiche Richtung führt mich die Verabredung mit einem geschichtsträchtigen Hattinger. Im Gegensatz zum Gemütlich-an-der-Ruhr-sitzen muss ich dieses Mal allerdings erst so einige Höhenmeter überwinden. Es war nicht gerade leicht, diesen Herrn „dingfest“ zu machen. Er hat zwar viel Zeit, da er vom Tagesgeschäft nicht mehr allzu sehr beansprucht wird, war jedoch ein wenig beleidigt, weil wir in unserer Juni-Ausgabe die Serie „Hattingen – historisch“ mit dem Heiligen Georg gestartet haben. Und Friedrichs Verhältnis zur Kirche ist eindeutig vorbelastet.
Comic- und Titelheld
Um ihn wieder gnädig zu stimmen, haben wir ihm versprochen, ihn zum Titelhelden zu machen. Außerdem habe ich ihm ein paar Überraschungen versprochen. In meinem Rucksack sind die Comics, die Michael Stein aus Niederwenigern vor vielen Jahren gemeinsam mit seinen Freunden Holger Pfläging und Georg Jorczyk – der Frühaufsteher wird berichten! – geschrieben und verlegt hat und die dank Internet nun elektronisch publiziert werden. Und ich werde ihm, dem Herrn Grafen, meine beiden Tonbecher mitbringen, die ich im vergangenen Jahr auf der Ausstellung „Aufruhr 1225“ in Herne gekauft habe.
„Wir treffen uns aber in der Dunkelheit“, hatte Friedrich Graf von Isenberg erbeten. „Ich habe hier oben in meinem Domizil ganz gerne meine Ruhe und lasse mich nicht so oft sehen. Kommen Sie lieber erst, wenn im Haus Custodis niemand mehr wach ist und auch keine Besucher mehr auf dem Gelände sind.“
Internet für Burgherren
Gut, dass ich mich im Dunklen nicht fürchte und außerdem schon oft zur Isenburg gelaufen bin. Friedrich begrüßt mich herzlich. Wir setzen uns auf eine Mauer und reden sofort wie zwei alte Freunde miteinander. Der Mond scheint, die Aussicht ist einfach gigantisch. Ich überreiche Friedrich meine Mitbringsel. Die Trinkgefäße gefallen ihm, doch mit Wein gefüllt noch besser, lacht er, holt eine Flasche herbei und gießt uns ein. Die Comics amüsieren den Burgherrn sehr. Er bekommt gar nicht genug davon und freut sich, dass sie nun im „Frühaufsteher“ regelmäßig zu finden sein werden. „Da müssen Sie mir aber immer eine von Ihren „Zeitungen“, wie Sie das nennen, schicken. Bis hier oben kommt normalerweise kein Bote. Es ist doch etwas abgelegen.“
Wie kann ich ihm das mit dem Internet wohl erklären? Er hört ja den Isenburg-Besuchern oft und gerne zu, um auf dem Laufenden zu bleiben, aber ob er auch den Custodis-Bewohnern schon einmal über die Schulter gesehen hat, wenn sie am PC sitzen? „Stellen Sie sich vor, Sie sehen auf ein Schild oder ein Pergament, und alle Menschen, egal wo sie sind, können, wenn sie auf einen Knopf drücken und auch auf etwas Ähnliches sehen, genau das gleiche erkennen wie Sie auch.“
„Das ist sehr aufregend“, findet mein Gesprächspartner. „Ach, wissen Sie, dafür bin ich jetzt schon zu lange auf der Welt. Aber damals hätte ich das bestimmt gut gebrauchen können, die ganze Verwalterei war mit viel Arbeit verbunden. Davon erzähle ich gleich noch mehr.“
Auf du und du mit Friedrich
„Vielleicht besucht Sie einmal einer der Herren, die die Bildchen und Geschichten von Ihnen gemacht haben, und bringt so etwas mit“, schlage ich vor. Dann berichte ich ihm noch von der Aufruhr-Ausstellung in „Haranni“, wie Herne früher hieß.
„Dass sich so viele Menschen heute für die alten Geschichten interessieren“, wundert sich Herr von Isenberg. „Ich dachte, Ihr hättet heute genug mit der Gegenwart zu tun.“
„Das haben wir eigentlich auch, doch gerade in Hattingen, wo einem die Geschichte überall begegnet, da möchten wir schon gerne wissen, was damals so los war.“
„Ich kriege hier ja auch so einiges mit“, plaudert der Graf. „Wer sich nicht schon alles mit mir beschäftigt hat! Die ganzen Schüler der Buddel-AG, die historischen Vereine, die Denkmalpfleger, das Buch „Sagenhaftes Hattingen“– da komme ich sogar mehrfach vor“, brüstet sich Friedrich, wie ich ihn nach dem ersten Glas Wein nennen darf. „Und die Maler um den Herrn Görler, die das riesige Bild gemalt haben. Unglaublich!“
„Dann erzähle doch mal deine Geschichte. Bitte erst einmal nur so im Groben, denn die vielen kleinen Erlebnisse aus deinem Alltag, die wollen wir ja jetzt jeden Monat unseren Lesern zeigen. Alles wollen wir heute noch nicht verraten.“
Stress für den Adel
„Na ja“, fängt er an. „So ganz genau wie bei euch heute war das damals mit dem Geburtsdatum ja nicht. Irgendwann zwischen 1186 und 1193 kam ich hier zur Welt. Mechthild zu Styrum und Graf Arnold von Altena-Isenberg, das waren meine Eltern. 1209 ging es ans Erben. Jede Menge Verwaltungsarbeit für mich als Vogteiherr, das sagte ich ja schon. Da hätte ich euer neuzeitliches Zeug wirklich gut gebrauchen und viel Zeit sparen können. Wie oft hätte ich mich gerne in die Sonne gelegt, statt die 36 Oberhöfe mit 1440 Bauerngütern zu besuchen. 905 Orte – stell dir das vor!“, regt er sich noch heute auf.
„Viel zu tun“, pflichte ich ihm bei.
„Und glaub mal ja nicht, das wäre immer so leicht gewesen. Wenn ich das schon höre, die gute alte Zeit, so ein Quatsch. Da tut und macht man und dann wird auch noch herumgemeckert!“
„Ach, das gibt es heute durchaus auch noch“, beruhige ich ihn. Wir trinken noch einen Wein. Alkohol im Dienst gibt es natürlich nur ihn ganz besonderen Fällen. Heute ist so einer. Außerdem gehe ich zu Fuß nach Hause.
Friedrich lehnt sich auf …
„Die Kirche wollte, dass wir Adeligen nicht mehr über die Ländereien herrschen. Da sah ich meine Felle die Ruhr herunter schwimmen“, seufzt Friedrich. „Ihr würdet es wohl heute „Networking“ nennen – ha, da staunst du, was ich hier so alles aufschnappe! Ich habe dann andere Adelige aus Westfalen angesprochen, damit wir uns gegen den Kirchenfürsten auflehnen.“
„Was genau war der Plan?“, will ich wissen. Ich kenne die Geschichte zwar, möchte sie jedoch von ihm persönlich hören.
„Meinen Verwandten, den Kölner Erzbischof Engelbert, den beschloss ich zu entführen. Wäre doch gelacht, so dachte ich, wenn ich den nicht zu irgendwas bewegen könnte.“
„Bewegen ist gut“, sage ich. „Bei der Bewegung ist es wohl nicht geblieben!“
… und Engelbert wehrt sich zu heftig
„Wie auch immer“, fährt Friedrich fort, „im November 1225 trafen wir in einem Hohlweg bei Gevelsberg auf Engelbert mit seinen Mannen. Dabei ist er – ich weiß auch nicht, wie – ums Leben gekommen. Ehrlich, keiner konnte sagen, wie das passiert ist. Was wehrt er sich auch so heftig!“
„Hätte ich auch gemacht“, werfe ich ein.
„2100 Mark – 1050 Euro, lacht Friedrich – wurden von der Kölner Kirche auf meinen Kopf ausgesetzt. Hab ich kürzlich noch in eurem Hattinger Heldenbuch gelesen. Steh ich natürlich auch drin.“
„Natürlich.“
„Wie viel Geld ich wohl heute einbringen würde?“, überlegt er. „Und noch im gleichen Winter ging‘s mir an den Kragen: Meine schönen Festungen, einfach zerstört! Die in Hattingen und die in Nienbrügge. Keine Vogteien mehr, nicht einmal der Rechtsgemeinschaft gehörte ich noch an. Und exkommuniziert wurde ich auch. Eine Frechheit, sowas. Sag das deinen Lesern!“
„Ja, das mach ich“, verspreche ich. „Wie ging es denn weiter?“
Verraten und verkauft, gefoltert und gerädert
„Ich reiste mit Familie nach Rom, um mich vom Kirchenbann erlösen zu lassen. Fehlanzeige. So ein Aufwand, und alles umsonst. Ihr reist ja heute ein wenig komfortabler und vor allem schneller. Dann stirbt auf dem Rückweg noch mein Bruder Dietrich, und ich selbst werde gefangen genommen und – das muss man sich einmal vorstellen – verkauft! So eine Schmach. Dieser Graf von Geldern kauft mich und hat nichts Eiligeres zu tun, als mich an die Kölner Kirche auszuliefern. Da hatten die ja schon drauf gewartet. Das war’s dann. November ist wohl kein guter Monat für mich – im November 1226 folterte und räderte man mich. Ich muss sagen, auch wenn das schon so lange her ist – ich erinnere mich noch verdammt gut daran und nicht gerade gerne.“
Das, lieber Graf, kann ich nur zu gut verstehen, auch wenn mir diese Erfahrung bisher zum Glück erspart blieb.
„Sag deinen Zeitgenossen, dass ich mich über eure Aufmerksamkeit freue. Und die Herren Stein, Jorczyk und Pfläging können sehr gerne auch vorbeikommen. Zwei von denen sind ja Nachbarn.“
Und ich, ich sehe die Isenburg nun mit völlig anderen Augen. Auch wenn Graf Friedrich von Isenberg sich nur äußerst selten blicken lässt: der Weg lohnt sich. Und vielleicht treffen Sie ihn doch einmal persönlich an – im Frühaufsteher auf jeden Fall. Viel Spaß dabei!
pgs
Ganz privat
Lieblingsmusik: Das Rauschen der Ruhr
Lieblingsfarbe: Ruinengrau und Waldgrün
Lieblingsessen: Getreidegrütze
Hobbys: die Isenburg-Besucher belauschen
schönster Urlaub: Zuhause gefällt es mir am besten. Woanders gibt es nur Ärger!
beste Eigenschaften: zeitlos und diskret


