„Wir wollen die Straßen durch unsere Arbeit sicherer machen“

ProViDa

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Sie sieht gemütlich aus, ja schon fast etwas träge und eher unscheinbar. Beladen mit zwei Koffern wiegt sie fast 330 Kilo. Sie steht auf einem Parkplatz in Bredenscheid und lässt sich von mir bestaunen. Er hingegen wirkt sportlich und durchtrainiert in seiner maßgeschneiderten Lederkombi.
Die Rede ist von Polizeihauptkommissar Jan Böhmert* (46) und seiner schwarzen BMW K1200 GT. Die Besonderheiten des Motorrades liegen im Verborgenen, und das ist auch so beabsichtigt. PHK Böhmert ist einer von vier Beamten im EN-Kreis, die nach einer speziellen Ausbildung mit diesem sogenannten ProViDa-Krad (Proof Video Data) in erster Linie auf den Landstraßen des Kreises für Sicherheit sorgen. Ausgestattet mit modernster Videotechnik, ist es für die Beamten des Verkehrsdienstes des Ennepe-Ruhr-Kreises möglich, auch den schnellsten Temposünder zu stoppen. Hierzu ist das Motorrad neben der Videokamera, welche sich unterhalb der Windschutzscheibe befindet, nach vorne mit Blaulicht in Form von Stroboskopblitzen und am Heck mit der Leuchtschrift Stop – Polizei ausgerüstet. Die Videoanlage kann das komplette Verkehrsgeschehen vor dem Motorrad aufzeichnen. Tempoverstöße können somit ebenso geahndet werden wie Missachtungen von Überholverboten, roten Ampeln und anderen Verkehrsvorschriften. „Theoretisch könnten wir während der Fahrt sogar die Geschwindigkeit von entgegenkommenden Fahrzeugen messen. Allerdings steht hier in der Regel der Aufwand bei der Auswertung in keinem Verhältnis zur Konsequenz des Vergehens“, erklärt mir Böhmert.
„Wir setzen das Krad vorrangig zur Ahndung von bußgeldbewährten Verstößen ein“ so Böhmert. Im Falle von Tempoüberschreitungen sind dies Geschwindigkeiten ab 21 Km/h über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Der Tacho am Motorrad, der übrigens wie die gesamte Messanlage geeicht ist, muss also mindestens 30 km/h über der erlaubten Geschwindigkeit liegen. Zieht man die Vorauseilung des Tachos sowie die Messtoleranz ab, liegt die ermittelte Geschwindigkeit somit an der Untergrenze für ein Bußgeld.
Dass das Krad nicht zur Erfüllung der im Volksmund sogenannten Knöllchen-Quote dient, bestätigt auch Rainer Sommer, Leiter des Verkehrsdienstes für den EN-Kreis. „Der Ennepe-Ruhr-Kreis ist landschaftlich und auch topografisch für Motorradfahrer sehr interessant; daher nutzen auch viele Biker die beliebten Motorradstrecken. Leider sind Motorradfahrer verhältnismäßig häufig Opfer bei Verkehrsunfällen. Ein Grund dafür ist auch, dass sich nicht alle Fahrer an die Verkehrsvorschriften halten; insbesondere überhöhte Geschwindigkeit und falsches Überholen sind dabei die Hauptunfallursachen.“ „Die Maschine zur Überwachung von Falschparkern oder anderen geringfügigen Verstößen einzusetzen, ist nicht der Zweck“, so Sommer weiter. „Hierfür waren die Anschaffungkosten der fast 40.000 Euro teuren Maschine und die Ausbildung der Beamten zu aufwändig und kostenintensiv. Durch die moderne Technik ist es uns möglich, Verkehrssündern direkt vor Ort ihr Fehlverhalten zu zeigen.“ Das macht nun auch Jan Böhmert. Auf dem Monitor im rechten Koffer zeigt er mir die komplette, von uns gefahrene Strecke, welche er auf der Fahrt gerade aufgezeichnet hat. Immer gut zu sehen: die gefahrene Geschwindigkeit, die zurückgelegte Strecke, Datum und Uhrzeit sowie das Kennzeichen meines Fahrzeugs. „Anhand dieser Aufzeichnungen haben wir gerichtsverwertbare Beweise.“ Entgegen dem Irrglauben, die Messstrecke müsse mindestens 300 Meter betragen, reichen tatsächlich bereits ein bis zwei Fahrzeuglängen gefahrener Wegstrecke aus, um zum Beispiel einen Temposünder zu überführen. Ein kurzer Druck auf den Schalter am Lenker, und schon startet die Videoaufzeichnung. „Die meisten Verkehrssünder sind, nachdem ihnen ihr Fehlverhalten auf dem Video gezeigt wurde, einsichtig. Aber es gibt eben auch die Unbelehrbaren. So wie der Motorradfahrer, der im Wodantal anstatt der erlaubten 70 beziehungsweise 100 km/h mit über Tempo 200 in Richtung Sprockhövel unterwegs war. Für ihn war, nachdem Böhmert ihn anhalten konnte, die Motorradsaison beendet. „Viele der Angehaltenen wundern sich und diskutieren mit uns, warum das Motorrad mit einem Kennzeichen aus einer anderen Stadt oder einem anderen Kreis ausgestattet ist und ob wir sie überhaupt anhalten dürfen.“ „Wir dürfen“, so Böhmert. „Tarn-“ oder auch „Wechselkennzeichen“ sind des Rätsels Lösung. Würden wir immer mit dem gleichen Kennzeichen herumfahren, würden wir sofort erkannt werden und unsere Arbeit, welche ja auch zu einem großen Teil aus Aufklärung besteht, wäre vergebens. Prävention betreiben wir zum Beispiel zu Beginn der Motorrad-Saison im Frühjahr, so Böhmert. Hierzu fahren wir mit der Maschine zu den angesagten Bikertreffs und Motor-Shows, wie der Autoparty in Hattingen, und stellen den Besuchern die Maschine und unsere Arbeit vor. Wir wollen uns ja gar nicht verstecken und lauern auch niemandem auf. Jeder soll wissen, dass es uns gibt.“ Laut Böhmerts Angaben, sind in der warmen Jahreszeit die geschriebenen Anzeigen fast fifty-fifty auf  Autofahrer und Biker verteilt. In der kalten Jahreszeit sind es eher die Autofahrer, die dann mithilfe des Blaulichts und der Leuchtschrift angehalten werden. Die Maschine ist nämlich fast das ganze Jahr im Einsatz, sofern es die Witterung zulässt. 200 bis 300 Kilometer kommen da an einem Tag schnell zusammen. Macht also circa 150 Kilometer pro Schicht. Auf zwei Tagen Einsatz auf der Straße folgt dann in der Regel ein Tag in der Dienstelle für die Auswertung der Videos und das Anfertigen der Anzeigen. „Deshalb sind wir auch zu viert mit der Maschine unterwegs. Im Wechsel versteht sich und nicht etwa alle vier zusammen …“
Leider musste Böhmert bereits am eigenen Leib eine schmerzhafte Erfahrung mit einem „rasanten“ Autofahrer machen.
„Im Februar war ich mit dem Motorrad auf dem Weg von Schwelm nach Wetter zur Dienststelle unterwegs. An der Autobahnauffahrt Schwelm hielt ich an einem Stopp-Schild. Der hinter mir befindliche Pkw-Fahrer nahm wohl an, dass ich das Schild ignorieren und ohne anzuhalten weiterfahren würde. Ich sah ihn im Spiegel immer näher kommen, konnte aber nicht nach vorne weg, da von links Fahrzeuge kamen. Der Pkw fuhr mir ungebremst ins Heck. Das nächste, woran ich mich erinnern konnte, war, dass ich im Rettungswagen wieder zu mir kam. Mit drei Tagen Krankenhaus, ein paar Prellungen und fünf Wochen Krankenschein bin ich glimpflich davon gekommen. Die Maschine hatte allerdings einen Totalschaden.“ Dass es für ihn nicht schlimmer ausging, hat Böhmert auch dem Engagement seines Vorgesetzten Rainer Sommer zu verdanken. Dieser bestand bei Indienststellung des Motorrades darauf, dass seine Beamten mit spezieller Schutzkleidung ausgerüstet werden. Die Lederkombis sind für jeden der vier Beamten maßgeschneidert und kosten pro Stück circa 1.700 Euro. Ein Helm der neuesten Generation – mit Mikrofon und eingebautem Kopfhörer für das Funkgerät – schlägt hierbei nochmals mit ungefähr der Hälfte zu Buche. Wenig Geld, im Vergleich zu eventuell dauerhaften, körperlichen Schäden. Böhmert sagt, es gibt Dienstellenleiter, die drücken ihren Beamten 500 Euro für eine Kombi in die Hand und sagen, „fahrt mal zum Motorradladen und holt euch da eine. Bringt aber die Quittung und das Restgeld wieder mit …!“
Bevor 2008 die erste Maschine dieser Art im EN-Kreis eingesetzt wurde, mussten Böhmert, der gelernte KFZ-Mechaniker, der seit fast 30 Jahren auf zwei Rädern unterwegs ist, und seine drei Kollegen das Motorradfahren völlig neu erlernen. „Bei einem 14-tägigen Lehrgang in der Nähe von Münster lernten wir, unsere Maschinen auch im Grenzbereich zu beherrschen.“ Fahrtechnik, Sicherheits- und Kurventraining wurde den Beamten hier vermittelt. Können die Freizeitfahrer mit ihren Maschinen schon gut umgehen; Böhmert und seine Kollegen können es besser. „Einige Verkehrssünder nehmen auf andere nun mal keine Rücksicht und dann muss man als erfahrener Beamter seine eigenen und die Grenzen seiner Maschine kennen.“ Es gibt aber auch die anderen: „Einmal war ich in Breckerfeld unterwegs und wollte ein Fahrzeug anhalten, welches mir aufgefallen war. Ich folgte dem Pkw über eine längere Strecke, konnte aber aufgrund der Verkehrslage nicht gefahrlos überholen. Durch Benutzung des Blaulichts wollte ich den Fahrer zum Anhalten auffordern. Dieser setzte seine Fahrt jedoch unbeirrt fort. Als es mir schließlich gelang, das Fahrzeug zu stoppen, saß darin ein älteres Ehepaar.“ Die Frau hatte ihrem Mann gesagt, er solle nicht auf meine Zeichen reagieren. „Der will uns bestimmt überfallen …“
„Nichts riskieren heißt die oberste Regel. Können wir einen Verkehrssünder nicht stoppen, haben wir ja den Videobeweis für sein Verhalten“, erläutert Böhmert, zeigt mir das Video meiner Fahrt und lässt mich dann ohne Verwarnung fahren. Mein alter Kombi und ich waren eben nicht schnell genug …

ara

*Name von der Red. geändert