Gutes zu tun wird belohnt – früher oder später
Nach dem Heiligen Georg und dem Grafen Friedrich von Isenberg treffen wir uns in diesem Monat mit Roswitha, die normalerweise als Denkmal zu Blankenstein residiert. Für den Frühaufsteher macht sie aber gerne eine Ausnahme. Nur auffallen möchte sie nicht allzu sehr. Treffen wir uns doch auf der Burg Blankenstein, schlage ich vor. Da sieht man ja häufiger gewandete Gäste, und niemand wundert sich.
Roswitha freut sich über die Abwechslung in ihrem Alltag. Wir besteigen den Turm und genießen die wunderbare Aussicht über das Ruhrtal. „Ich sollte öfter mal rausgehen, aber wenn ich meinen angestammten Platz verlasse, irritiert das vielleicht die Blankensteiner“, gibt sie zu bedenken.
Alte und neue Geschichten
„Ach was“, ermuntere ich sie, „dann haben die Menschen wenigstens einmal wieder Anlass, eine neue Sage in die Welt zu setzen. Das gibt es nämlich heute auch noch.“ Sie staunt, als ich hier von dem Germanistik-Professor erzähle, der diese ganzen „wirklich wahren Geschichten“ sammelt und beobachtet, wie sich die Gerüchte über Jahrzehnte hinweg entwickeln. Wer kennt sie nicht, die Gegebenheiten, die immer dem Freund eines Freundes ganz bestimmt genau so passiert sind.
„Würde ich gerne lesen“, sagt Roswitha, und ich verspreche, ihr ein Buch zu bringen.
„Doch jetzt“, bitte ich sie, „erzähle doch einmal deine ganz persönliche Geschichte.“
Kalt, stürmisch und gruselig: Der Stoff, aus dem die Sagen sind
„Es war kalt und dunkel, mitten im Winter, da kam ein junger Handwerker auf unserem Bauernhof vorbei. Wo der genau lag, kann ich gar nicht sagen, es hat sich hier ja alles ganz schön verändert.“
„Ist ja auch lange her“, pflichte ich Roswitha bei.
„Mein Vater fand es nicht gut, dass der hereinkommen und was essen wollte. Er war nicht sehr menschenfreundlich, muss ich zugeben, und wollte sogar den Hund auf ihn hetzen.“
„Das gibt es heute wohl auch noch“, denke ich laut. „Was hast du dann getan?“
„Ich hab meinen Vater gebeten, nicht so grausam zu sein. Aber er ließ sich nicht erweichen!“ Das betrübt sie anscheinend immer noch.
„Der junge Mann war mir sehr dankbar, auch wenn es nichts gebracht hatte, und schlich sich traurig davon. Er schlief dann in einer Scheune.“
„Wenigstens ein Dach über dem Kopf“, tröste ich meine Gesprächspartnerin.
„Um Mitternacht donnerte es dann plötzlich, natürlich wurde er wach und erschrak“, fährt sie fort.
„Woher“, wundere ich mich, „weißt du das denn eigentlich?“
Sie lächelt fein: „Warts ab!“
Teufel, Schatz und Ziegenbock
„Jedenfalls sah unser ‚Gast‘, wie mein Vater eine Kiste in die Erde versenkte und dabei den Teufel um Beistand bat: Er möge den Schatz bewahren – bei einem schwarzen Ziegenbock als Pfand.“
„Gruselig“, finde ich.
„Oh ja“, sagt Roswitha, „es wird noch gruseliger: Es blitzte und donnerte wie verrückt, ein rotes Licht tanzte auf der Kiste, und auf einmal: Alles finster. Kein Wunder, dass der junge Kerl morgens so schnell wie möglich von dannen zog, um Blankenstein weit hinter sich zu bringen.“
„Werde ich jetzt auch mit ganz anderen Augen sehen“, lache ich. „Wie ging es weiter?“
Ein Déjà-Vu
„Jahre später gab es ein Riesenfest auf der Burg hier. Ein Jäger kam zufällig vorbei und hatte, wie ihr heute sagt, ein Déjà-Vu. Sehr merkwürdig kam ihm das vor. Er klopfte an die Tür eines verfallenen Bauernhauses und staunte, dass ich ihm öffnete.“
„Boah …“, verfalle ich vor lauter Staunen ins Ruhrdeutsche.
„Der Jäger erzählte mir, wie der böse Hofherr damals einen Wanderer verjagte. Er sah mich an und meinte, dass sei er gewesen und er sei mir unendlich dankbar, auch wenn das ja alles nichts genutzt hatte.“
„Der gute Wille zählt ja auch“, meine ich.
„Ich sagte ihm, wie sehr ich mich freue. Meinen Vater fanden wir nach der stürmischen Nacht tot unter einem Birnbaum. Die Leute quatschten nur noch Böses über unseren Hof, es sei nicht geheuer, und die mieden mich, wo sie nur konnten. Und auch wenn der Alte manchmal hartherzig war, so ganz alleine sein war auch schwer.“
„Klar“, sage ich.
Tief in Roswithas Schuld
„Der Jäger meinte, er wolle meine Schuld tilgen und er wisse von einem Schatz. Dafür brauche er aber einen schwarzen Bock.“
„Wie eigenartig!“
„Kam mir auch so vor, aber er klang sehr überzeugend, der gute Mann. Also besorgte ich einen Bock, den wir abends unter den Baum stellten. Sofort wurde er zerrissen, der Bock, meine ich. Blitz und Donner und eine schwefelgelbe Flamme verschlangen das arme Viech.“
„Und?“
„Plötzlich sahen wir eine Kiste. Du kannst dir denken, was drin war? Der Schatz natürlich! Gold und Silber – und alles für mich, sagte der Jäger.“
„Nicht schlecht!“ Das war sohl so eine Art historischer Lottogewinn, denke ich.
Zwei Schätze für Roswitha: Und wenn sie nicht gestorben sind …
„Das fand ich auch, sage ich dir! Aber für mich alleine wollte ich das auch nicht haben. So ein Schatz nützt mir nur was, wenn ich ihn mit einem Menschen teilen kann, das sagte ich auch meinem Begleiter. Dass ich den Schatz mit ihm teilen wollte, war wohl klar, sonst war ja niemand da“, kichert Roswitha. „Und er gefiel mir auch gut, so ist es nicht.“
„Glückwunsch, auch wenn es schon lange vorbei ist!“, gratuliere ich Roswitha nachträglich. Und jetzt verstehe ich natürlich, wieso sie die ganze Geschichte so genau kennt.
„Vor lauter Freude wollte mein neuer Mann den Schatz auch mit den Armen teilen.“ Da hat er sich wohl gleich ein Beispiel an seiner weichherzigen Frau genommen.
„Nett von ihm, geteilte Freude ist eben doch doppelte Freude, das gilt heute auch noch“, beschließe ich unser Gespräch und begleite Roswitha noch zurück zu ihrem Denkmal. Nicht dass sie schon gesucht wird.
Angeregt wurde der Frühaufsteher durch eine Erzählung aus „750 Jahre Burg Blankenstein“. Und wer Roswitha besuchen will – die wohnt an der gleichnamigen Straße, Am Roswitha-Denkmal. Wenn sie nicht gerade Interviews gibt.
pgs
Ganz privat
Lieblingsmusik: Jagdhorn
Lieblingsfarbe: Ziegenbockschwarz
Lieblingsessen: Bocksbraten
Hobbys: Schätze finden
schönster Urlaub: im Wald und auf der Heide
beste Eigenschaften: mitfühlend

