Ein göttlicher Gesprächspartner aus dem Hügelland

St.-Georgs-Kirchturm

St.-Georgs-Kirchturm

Mit dem Namenspatron der Sankt-Georgs-Kirche fing unsere Serie „historische Hattinger“ an – ob sagenhaft, ob real existierend. Es folgten Friedrich, der unter die Räder kam, und die tapfere Bauerntochter Roswitha aus dem schönen Blankenstein, mit der wir uns so nett auf der Burg unterhielten.
Warum Georgs Turm so schief ist? „Seine“ Kirchengemeinde schreibt auf ihrer Website, nach Mehrheitsmeinung sei der Turm von Anfang an absichtlich so angelegt worden – um den Südwestwinden, die oft wehen, trotzen zu können. Wenn wir den verantwortlichen Bauherrn, der das Gebäude um 1200 errichtete, einmal antreffen, werden wir ihn fragen, ob er das auch so sieht. Die Reste einer kleinen Vorgängerin, nach 820 gebaut,  wurden übrigens 1972 entdeckt.

Wodan, der Inspirierende …

Es gibt noch diverse Vermutungen über die Ursache des schiefen Kirchturms in der Hattinger Altstadt, auch weniger salonfähige – doch über all das kann unser heutiger Gesprächspartner nur lachen. Heute ist die Frühaufsteherin für Sie in ihrer alten Heimat, dem Hattinger Hügelland, unterwegs. Ich kenne mich dort natürlich immer noch gut aus, doch er blickt auf einen weitaus längeren Aufenthalt am Ort des Geschehens zurück: Die Rede ist von Wodan.
Mit dem Bus der Linie 330 fahre ich bis zum „Stuten“. Unterwegs denke ich an das Buch „Marterpfahl“ des Hattinger Autoren Stefan Melneczuk. Ganz schön gruselig und für Ortskundige natürlich besonders aufregend. Wer weiß, wie oft man schon dort vorbeikam, wo es geschah!
Wodan holt mich an der Bushaltestelle ab.
„Guten Tag, wie darf ich Sie denn bitte ansprechen?“, erkundige ich mich. Schließlich hat der Hauptgott der nordischen Mythologie nicht nur einen Namen, und vielleicht gefällt ihm Odin besser.
Ich habe gelesen, dass der Name Wodan eine so genannte westliche Dehnform zum indogermanischen „wat“ darstelle, was „anblasen, anfachen“ und im übertragenen Sinne „inspirieren“ heiße.

… und sein gleichnamiges Tal

Wodan

Wodan

Nun, das passt doch alles gut zu unserer Stadt: Wat gehört zum täglichen Sprachgebrauch, beim Anblasen auf dem Hüttengelände sind wir Spezialisten – und Inspiration können wir alle gut gebrauchen!
„Einen schönen guten Tag“, grüßt Wodan zurück. „Ach“, sagt er dann ganz unkompliziert, „du bist ja auf mich gekommen, weil das Wodantal nach mir benannt ist. Da sagst du am besten Wodan.“
„Gerne, so machen wir das. Mir war übrigens gar nicht klar, dass Odin und Wodan für den gleichen Gott stehen. Das wissen viele andere sicher auch nicht.“
Wir gehen die kleine Straße an der Wiese entlang, auf der im Winter immer der Skilift tausende von Besuchern in Wodans Tal lockt.
„Hier ist ganz schön was los“, erzählt Wodan. „Im Winter natürlich – ist ja auch der einzige Lift in der ganzen Gegend – aber auch im Sommer, die vielen Mopedfahrer.“
„Du kennst ja noch ruhigere Zeiten“, antworte ich. „Ich bin als Kind oft mit meinem Hund hier herum gestreift, zum Beispiel zur Quelle da hinten in der Kurve. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“

Weltlicher Genuss auch für Götter

„Ja, es hat sich total viel verändert. Nichts ist so beständig wie der Wandel, da kann ich ja gut mitreden, so alt wie ich bin“, kichert der nordische Gott.
Götter sind übrigens keineswegs vor irdischen Genüssen gefeit, stelle ich fest: „Das Wodantaler Landbrot schmeckt einfach klasse“, findet er. „Das gab es früher nicht – ein Beweis, dass manches heute doch besser ist“, schließt er mit einem Grinsen.
„Doch jetzt sag mir bitte, wieso du über die ganzen Erklärungen zum schiefen Sankt-Georgs-Turm nur lachen kannst. Was hast du denn damit zu tun?“
Wir sitzen gemütlich auf einer Wiese. Ich sehe, dass er schon wieder an „sein“ leckeres Brot denkt, und ziehe ihn am Ärmel. „Los jetzt, bitte.“
„Das“, fängt Wodan an, „ist eigentlich ganz einfach.“

Sankt Georgs respektloser Turm

„Ich wohne ja schon immer hier, nur dass es natürlich nicht schon immer Wodantal hieß. Du musst dir vorstellen, dass man von hier einen tollen Blick bis zur Sankt-Georgs-Kirche hatte. Damals war der Turm gerade.“
„Und das gefiel dir nicht?“
„Das war mir eigentlich völlig egal“, fährt Wodan fort. „Interessant war auch, dass der Turm sich bewegen konnte.“
„Was? Das ist ja kaum vorstellbar“, wundere ich mich.
„Ja, immer wenn die Sonne im Osten aufging – ein Schauspiel, das mich täglich aufs Neue erfreut – hat sich der Kirchturm nach Osten verneigt. Vor der Sonne.“
„Nein!“
„Doch, ich schwöre es! Nun kann man sich ja durchaus vor der Sonne verneigen, das mach ich selbst auch. Ohne Sonne können wir schließlich nicht leben.“

Wodan verliert die Geduld

„Wohl wahr“, pflichte ich ihm bei.
„Und mittags“, setzt er seine Erläuterung fort, „wenn die Sonne gerade am meisten zu tun hatte, das gleiche Schauspiel: Der Turm verneigt sich nach Süden.“
„Ich ahne schon, was kommt“, denke ich laut.
„Das fand ich dann schon ganz schön übertrieben. Einmal am Morgen reicht ja, meine ich. Aber nein, sogar am Abend neigt sich dieses blöde Ding nach Westen.“ Das regt Wodan heute noch auf.
„Ich habe monatelang darüber nachgedacht, wie ich diesem unverschämten Turm Respekt vor einem Germanengott – sogar dem Hauptgott, ich will ja nicht angeben, aber trotzdem – beibringen könnte.“
„Du wolltest, dass er sich auch vor dir verneigt?“
„Ja, klar, wenigstens ein einziges Mal in südwestlicher Richtung. Das ist ja wohl nicht zu viel verlangt!“
„Nein, natürlich nicht“, beruhige ich ihn.
„Wie hast du es denn dann geschafft?“
„Hab ich ja gar nicht“, gibt er kleinlaut zu. „Sich in vier Richtungen zu verneigen, das brachte der Turm anscheinend nicht fertig. Oder er wollte mich ärgern, keine Ahnung. Da fiel mir endlich etwas ein: Gerade als das respektlose Bauwerk abends der Sonne huldigte, habe ich einen Bann ausgesprochen.“

Bleibt der Turm wie er ist?

„Da hättest du auch eher drauf kommen können, so als Gott, meine ich.“
„Ja, ja, nachher ist man immer klüger. Die Erfahrung macht ja wohl jeder, ob Gott, ob Mensch.“
„Sicher, keine Frage.“
„Zwar verneigte sich der Turm nun immer noch nicht in meine Richtung – aber dafür auch in keine andere mehr“, freut sich Wodan noch heute. „Und ihr Hattinger habt ja was davon, der Turm ist ein Symbol für die ganze Altstadt.“
„Was meinst du“, geht mir durch den Kopf, „könntest du den auch wieder gerade machen? Dass er einfach steht und niemand respektlos behandelt wird, weder die Sonne noch du? Oder dass er sich in alle Richtungen verneigt?“
Wodan antwortet: „Hab ich auch schon drüber nachgedacht, ich habe ja viel Zeit hier. Aber ich glaube, wir lassen besser alles so, wie es ist.“

Wodan ist überall

„Ja, da hast du Recht, sonst müssten wir ja die ganzen Prospekte neu drucken.“
Wodan denkt ganz neuzeitlich: „Mir fällt noch was ein, das kannst du ja dem Stadtmarketing einmal vorschlagen. Hier sind zwar die Internetverbindungen nicht die schnellsten, im Hügelland, aber ich leb ja auch nicht hinter dem Mond und weiß, was es heute so alles gibt. Die könnten doch auf ihrer Website den Turm so beweglich machen – animieren, sagt ihr dazu, oder? – wie früher.“ Wodan begeistert sich für seine Idee.
„Oh ja, das richte ich gerne aus“, verspreche ich ihm, „und du kommst auch vor und darfst deinen Bann auch online aussprechen.“
„Danke, dass du über mich schreibst“, verabschiedet sich Wodan. „Ich hab auch noch was für dich. Ist ja noch ein weiter Weg bis zum Wildhagen.“
Den Heimweg nutze ich zu einer Wanderung über den Raffenberg durch den Hattinger Stadtwald. An einer Lichtung – auch wenn ich fast schon zu Hause bin – mache ich ein Picknick mit Wodans Geschenk und einem schönen Ausblick ins Wodantal – dieses Mal von der anderen Seite. Wodans Spuren zu folgen lohnt sich überall: Im Stadtwald, im Hügelland – und in der Altstadt. Viel Spaß mit Hattingens Historie!

pgs

Ganz privat
Lieblingsmusik: Das Plätschern des Baches
Lieblingsfarbe: Wodantalgrün
Lieblingsessen: Wie gesagt: Wodantaler Landbrot
Hobbys: Kirchtürme verbannen
schönster Urlaub: Ein Gott macht nie Urlaub
beste Eigenschaften: Einfach göttlich