Vom Geisterhund zu Blankenstein
Nach meinem äußerst beeindruckenden Gespräch mit dem Germanengott Wodan im Hattinger Hügelland habe ich mich mit meinem Interviewpartner für die Oktober-Ausgabe ganz in der Nähe des Treffpunkts mit Roswitha zu Blankenstein verabredet.
Doch dieses Mal wird es sozusagen ein Walking Act: Er möchte sich mit mir beim Laufen unterhalten. Auch gut – ich bin gerne draußen unterwegs. Und noch etwas ist anders: „Er“ ist weder menschlich noch göttlich, sondern tierisch – der so genannte „Knüppelrüer“.
Was trug sich vor Urzeiten an der Sprockhöveler Straße in Blankenstein zu?
Eigentlich hatte der Knüppelrüer keine große Lust dazu, schon wieder von diesem „alten Zeugs“ zu berichten. Doch auch für sagenhafte Hunde sind neuzeitliche Leckerchen durchaus begehrenswert; schließlich ließ er sich überreden, als ich ihm versprach, jedes Mal, wenn ich an seinem Revier vorbeikomme, eine große Packung davon mitzubringen. Ich murmelte leise etwas von „Wegezoll“ vor mich hin, fügte mich aber in diese freundliche Erpressung. Nach Menschen und Göttern wollte ich Ihnen eben gerne einmal ein historisches Tier aus Hattingen vorstellen. Und Georgs Drachen kennen Sie ja alle zur Genüge.
Verabredet haben wir uns an der Bushaltestelle vor der Klinik. „Nicht dass du eingefangen wirst, weil jemand denkt, du hast dein Herrchen oder Frauchen verloren“, gab ich zu bedenken, als wir Ort und Zeit vereinbarten.
„Das lass mal meine Sorge sein“, sagte der Knüppelrüer. „Meinst du nicht, ich hab schon ganz andere Dinge bewältigt?“
„Da hast du auch wieder Recht“, stimmte ich zu. Und so holte er mich ab, wir begrüßten uns und liefen Richtung Sprockhöveler Straße.
„Hier riecht es sehr verführerisch“, meint er mit einem bedauernden Blick Richtung Supermarkt.
„Kann ich mir vorstellen“, antworte ich, wobei menschliches Riechvermögen aus Hundesicht natürlich geradezu lächerlich sein muss.
„Hast du daran gedacht?“, fragt er plötzlich.
„Klar, hab ich doch versprochen“, lache ich und raschele mit der Tüte in meiner Jackentasche. Beruhigt trabt er neben mir her.
„Schon bewundernswert, wie du einen auf ‚normaler Hund 2011‘ machen kannst“, finde ich.
„Danke, danke, ich bin sehr wandlungsfähig. Ist ja sozusagen mein Job. Wenn man so durch die Jahrhunderte wandern will, geht das ja auch gar nicht anders. Meine eigene Evolution“, brüstet er sich stolz.
„Hatte ich auch mal in der Schule“, erinnere ich mich. Doch diese Art der Anpassung kam nicht vor. Das eigentlich Interessante wird einem ja oft vorenthalten! Übrigens schon das zweite Mal bei dieser Ausgabe, dass ich an die Schulzeit denke – mein Deutschlehrer hat mit den Hattinger Imkern zu tun, und jetzt sprechen wir über Biologie …
Doch zurück in die Gegenwart.
„Wieso wolltest du eigentlich, dass wir uns beim Spazierengehen besprechen?“, frage ich den Knüppelrüeren. Das wäre jetzt übrigens eine Frage für den Deutschlehrer: Hat schon jemand erforscht, wie der plattdeutsche Akkusativ geht? Heißt es den Rüer oder den Rüeren?
Meinem vierbeinigen Interviewpartner ist es völlig egal, keine Frage.
„Am besten ist es, wenn ich mich – jedenfalls, wenn es hell ist – als ganz normaler Hund hier bewege, was meinst du denn!“, erklärt er. „Hätten wir uns miteinander in ein Café setzen sollen?“, lacht er mich aus. „Wenn wir also hier auf den Wanderwegen zwischen Holthausen und Blankenstein herumlaufen, fallen wir nicht so auf.“
Das stimmt allerdings. Und außerdem ist es so ein Heimspiel für ihn, denn hier in der Gegend spielte sich das Ganze ab.
„Dann erzähl doch mal“, bitte ich das sagenhafte Tier.
Gespenst auf vier Beinen
„Also, ich wohne schon immer hier. ‚Gespensterhaft groß mit glühenden Augen‘, so beschrieben sie mich damals, aber guck doch mal selbst, findest du mich gespensterhaft?“, fragt der eigentlich ganz normal wirkende Hund.
„Ich weiß nicht, vielleicht sahst du früher anders aus? Ist ja lange her“, überlege ich laut.
„Nee, nee, genauso wie heute“, behauptet der Knüppelrüer. „Klein bin ich ja nicht gerade und vielleicht etwas strubbelig, aber gespensterhaft, so ein Quatsch!“, regt er sich auf.
„Möglich, dass die Menschen da auch Lust hatten sich zu gruseln, wenn sie im Dunkeln deinen Schatten sahen“, schlage ich vor. Und verschweige ihm, dass ich ihn nicht für besonders groß halte.
„Kann sein. Vor allem die Kinder wollten im Dunkeln nicht so gerne hier vorbeigehen. Dabei tat ich niemanden was, wenn man mich in Frieden ließ. Der Knüppel an meinem Hals scharrte über den Boden, das hörte sich auch nicht so vertrauenerweckend an“, erinnert er sich und schenkt mir einen so treuen Blick, dass ich ihm glaube.
„Wer wirklich böse war, das war ein Herrscher im Ruhrtal, der viele Kaufleute ins Burgverließ sperrte – vor allem Kaufleute, die er Pfeffersäcke nannte – und die er dann gegen ein hohes Lösegeld wieder frei ließ.“
„Freiheit gegen Geld – und Interview gegen Leckerchen“, kichere ich.
„Har har“, bellt er mich an und fährt fort:
Von bösen Rittern und armen Bauern
„Das war zwar schlecht für die Kaufleute, doch noch schlimmer traf es die armen Bauern und Tagelöhner. Die hatten ja eh nix, und ihr bisschen Eigentum raubte er ihnen nachts aus ihren armseligen Wohnungen. Taler und Vieh nahm er mit, mit den Leuten trieb er bösen Unfug.“
„So ein Verbrecher“, ereifere ich mich. „Und weißt du was? So böse Typen gibt es heute auch noch. Doch berichte weiter.“
„Einer der Bauern hatte einen besonders treuen Hund. Kannst dir wohl denken, wer gemeint ist, oder?“ fragt der Knüppelrüer.
„Meinst du, ich bin blöd?“
„Nee, das nicht, aber du bist ja nur ein Mensch“, muss ich mir anhören.
„Der hätte seine beste Kuh für mich hergegeben. So lieb war ich dem Bauern. Dem gemeinen Ritter blieb das nicht verborgen. Habgierig wie der Kerl nun einmal war, wollte er auch mich besitzen. Irgendwann standen der Bauer und ich in den Wiesen des Ruhrtals dem fiesen Kerl mit seinen Knechten gegenüber.“
„Musste ja so kommen“, bedauere ich.
Verdammt zum ruhelosen Knüppelrüeren
„Früher oder später, klar. Meinen lieben Bauern schlugen sie und verletzten ihn schwer. Mich schnappten sie – es waren einfach zu viele. Ich wehrte mich natürlich, biss um mich, und einer von den Knechten hat wirklich ganz schön was abbekommen. Da haben sie mir dann den dämlichen Knüppel an den Hals gebunden. Das sollte mich ruhigstellen.“
„Und? Hat es das?“, will ich wissen.
„Der Bauer sah, was die mit mir gemacht hatten. Vor Wut war er dann noch einmal in der Lage, sich aufzurichten und dem Ritter zuzurufen, dass er verdammt sein solle und als Hund mit einem Knüppel ruhelos durch das Ruhrtal wandern.“
„Verdammt“, entfährt auch mir. „Verdammt gemein und verdammt spannend.“
„Sofort wurde es stockfinster und plötzlich wieder taghell. Der Ritter war weg. Die Knechte suchten wie verrückt, fanden ihn aber nicht. Mein armer Bauer starb an seinen Verwundungen. Als er beerdigt wurde, war zum ersten Mal ein Bellen und Heulen zu hören, abends sah man einen riesigen Hund durch die Ruhrwiesen rennen.“
„Und alle Menschen dachten, das sei der verfluchte Ritter. Klar, dass die Knechte es überall herumerzählt hatten.“ Vielleicht stand es ja sogar im Frühaufsteher!
„Wer soll das auch sonst gewesen sein“, grinst mein felliger Interviewpartner.
„Wie ging es weiter?“ begehre ich zu wissen.
„Man sagt, der Knüppelrüer eile über die Weiden auf beiden Ruhrseiten. Und wer ihm begegnet, also als Mensch, der müsse sofort das Kreuz schlagen. Sonst war es das, niemand wird ihn wiedersehen. Wer den Hund fangen will, den führt er in die Ruhr, weil er selbst sich dahin flüchtet, wenn einer hinter ihm her ist.“
„Heute auch noch?“, frage ich ihn.
„Probier es doch aus“, feixt er.
„Mmh, ich weiß nicht. Aber wenn, dann erst im nächsten Sommer, wenn das Ruhrwasser nicht so kalt ist. Wir sehen uns ja sowieso ab und zu.“
„Ich freu mich schon auf die Leckerchen. Und auf dich natürlich auch“, fällt ihm noch schnell ein.
„Ja, ist schon okay! Mach’s gut und erschrecke niemanden!“
Wenn Sie ihm begegnen, grüßen Sie ihn bitte von mir!
pgs
Inspiriert von www.sagenhaftes-ruhrgebiet.de, Hattinger Sagen. Der Knüppelrüer ist auch zu finden in Jan Westwebers Buch „Sagenhaftes Hattingen“.
Ganz privat
Lieblingsmusik: Das Rascheln der Futtertüte
Lieblingsfarbe: Die Schwärze der Nacht
Lieblingsessen: Arme(r) Ritter
Hobbys: Schwimmen in der Ruhr, für Grusel sorgen
schönster Urlaub: Eine Fahrt mit der Ruhrtalbahn
beste Eigenschaften: Treue

