[Porträt von Wolfgang Sahl, Zigarrenfachmann und Drehorgelspieler.]
Ein Gentleman & Genussmensch
Wolfgang Sahl
„Im zweiten Weltkrieg erhielt der englische Premierminister Winston Churchill einen Anruf seines Zigarrenlieferanten Alfred Dunhill, dessen Lagerräume am Vortag bei einem Luftangriff zu Schaden gekommen waren, mit dem Wortlaut: „Sir, Ihre Zigarren sind gerettet.“
Churchill hatte damals sicherlich andere Sorgen, doch beschreibt diese Anekdote das besondere Verhältnis des Zigarrenliebhabers zum Fachhändler seines Vertrauens, der die besten Zigarren der Welt findet, diese sorgfältig aufbewahrt und umsorgt, bis sie dann zum Verbrauch abgegeben werden. Und solch ein Zigarrenfachmann ist Wolfgang Sahl. Die Liebe zu den gerollten Kunstwerken, „die von der schlechten Laune bis zur Gicht viele menschliche Unpässlichkeiten lindern sollen“, hat er quasi geerbt, denn schon sein Vater war Inhaber eines Fachgeschäftes für Tabakwaren – zunächst in Wölfershausen (nahe Bad Hersfeld), wo Wolfgang Sahl am 4. Dezember 1943 das Licht der Welt und zugleich große Mengen an Tabakvorräten erblickte – und später in Essen-Katernberg. Nach der Mittleren Reife, erworben am Leibniz-Gymnasium in Altenessen, folgte Sahl, der also in einer Bergarbeitersiedlung aufgewachsen war, dem väterlichen Ruf ins Tabakfach. Damals bevorzugte der Junior allerdings noch den Rauch einer Pfeife. 1979 übernahm er die elterliche Firma, parallel betrieb die Familie seit 1953 einen Kiosk am Kupferdreher Markt. „Da, wo jetzt der Briefkasten steht“, lokalisiert Sahl. Der Mann hat einen feinen Sinn sowohl für Tabak-Aromen als auch für Humor. Schon damals gehörten Abend-Events rund um das Thema „Zigarre“ mit zum Repertoire des „Botschafters genussorientierter Lebensart“. Jürgen Hingsen, Manni Kaltz, Wolfgang Clement und viele weitere bekannte Persönlichkeiten konnte er schon begeistern. Und wenn man das Zeremoniell beobachtet, mit dem Wolfgang Sahl eine Zigarre genießt, hat man schon viel gelernt über die „rauchige Leidenschaft“.
Das Ritual
Zunächst wird die Zigarre „geöffnet“, also angeschnitten, wobei die Größe der Öffnung und ein sauberer Schnitt bereits wichtig sind (damit zum Beispiel keine Tabakkrümmel die Laune verderben). Das Anzünden ist „mit Besonnenheit und Vorfreude“ zu begehen. Mit geschmacksneutraler Flamme (wie der eines Streichholzes) wird das Brandende erwärmt, dabei wird die Zigarre gleichmäßig gedreht. Die Flamme sollte die Zigarre nicht berühren und schwärzen (wegen der sonst frei werdenden Bitterstoffe). Der Zigarrenring kann ruhig dranbleiben, schließlich darf man die Qualität der Marke mit Stolz zeigen. Ob nun kleine, paffende oder doch kräftige Züge, entscheidend ist das langsame Exhalieren, so dass der Gaumen Zeit hat, die Geschmacksbreite des Tabaks auszukosten. Bevor die Zigarre anfängt „zu beißen“, sollte man aufhören. (Also wenn es am schönsten ist, etwa zwischen der Hälfte und dem letzten Drittel.) Ein Tipp: Wenn man die Zigarre „sterben lässt“, sie also nicht ausdrückt, riecht es anschließend weniger nach Rauch.
Smokers Nights
Eine Abendveranstaltung mit Wolfgang Sahl könnte mit einem kenntnisreichen und launigen Vortrag über die Geschichte der Zigarre beginnen. Dabei könnten Sie Gladies bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen, die gebürtige Kubanerin gehört zu den talentiertesten Zigarrenrollerinnen Deutschlands. Aber ganz sicher steht am Ende der Genuss einer edlen Zigarre. Aber welcher? „Jede Zigarre ist ein Unikat“, weiß der Fachmann. Aber es gibt natürlich feste Formate, also Geschmacksrichtungen. Hier drei Beispiele:
„Aurora“ – aus der Dominikanischen Republik, geformt wie ein Zeppelin, so dass die Aromen sich konzentrieren können, mit großer Tradition, schwierig zu rollen.
„Bolivia“ – kubanische Marke mit nur einer Spitze (Torpeda), im Rauchverlauf werden leichte Zitrusaromen frei.
„Romeo & Julietta“ – klassische kubanische Marke mittlerer Stärke, angeboten in besonders farbenfrohen Kistchen – das Auge raucht schließlich mit.
Ständchen für Heidi
Wer am eben erwähnten Kupferdreher Kiosk noch eingekauft hat, der kennt auch Gattin Heidrun, die hier vorrangig im Einsatz war, während Ehemann Wolfgang sich in Katernberg um das Tabakgeschäft kümmerte. „Ich bin wohl der einzige Mann, der sich mit Erlaubnis seiner Frau mit karibischen Schönheiten umgeben darf“, zwinkert er. Kennengelernt haben sich die Beiden 1965 in Diepholz, wo Wolfgang Sahl während der Bundeswehrzeit stationiert war. Heute ist Heidi als Kosmetikerin und Fußpflegerin am Schliepersberg 113 in Kupferdreh selbstständig. Und hier kommt sie auch in den Genuss besonders ungewöhnlicher, sonntäglicher Frühkonzerte auf der heimischen Terrasse, denn seit über sechs Jahren hat ihr Mann eine neue Leidenschaft: das Drehorgelspielen. Längst sind aus ersten privaten Vorführungen gefragte Auftritte zum Beispiel in Kindergärten, Altenheimen, bei Einweihungen oder im Karneval geworden. Sogar ein Seminar hat Sahl bereits absolviert nach dem Motto: „Wenn, dann richtig“. 2.000 verschiedene Arrangements für Drehorgeln kann er inzwischen „aus dem Ärmel schütteln“.
Wahre Kenner
Abschließend möchten wir Dr. Rommé vom „Europäischen Cigar & Cult-Journal“ zitieren mit seiner Bewertung einer „Hommage 1492“, einer Premium-Zigarre, die selbstverständlich auch im „Sortiment Sahl“ vertreten ist: „Sehr gut gerollt, kühler, sandig-erdiger, herbalaromatischer Rauch, guter Zug. Gehaltvoll und mild im Geschmack mit dezenter, zart-bitterer, herbal-würziger Textur, im Rauchverlauf an Volumen und Geschmackstiefe zunehmend. Sehr individuell im harmonischen Geschmacksausdruck“. Dazu empfiehlt unser Experte übrigens eine Tasse Kaffee, ein Gläschen Portwein oder spanischen Brandy. „Die Aromen ergänzen sich ideal“. Sollten Sie nun Lust auf ein solches Geschmackserlebnis bekommen haben, Sie wissen ja, an wen Sie sich wenden können. Viel Vergnügen!
sk
Ganz privat
Lieblingsmusik: deutscher Schlager
Lieblingsfarbe: blau
Lieblingsessen: Kalbshaxe
Hobbys: Zigarren, Drehorgeln
schönster Urlaub: Dominikanische Republik/Kuba
beste Eigenschaften: korrekt, verlässlich

