Stiftungsgründer aus Überruhr fördern Kinder und Jugendliche
Sybille (65) und Horst Radtke (69) aus Überruhr lieben Weltreisen.
Bereits dreimal haben sie den Globus umrundet. Mit einer eigenen Stiftung engagieren sie sich für Kinder und Jugendliche in Not und sind außerdem in vielen Bereichen kreativ. Während der ehemalige AWO-Geschäftsführer und Landtagsabgeordnete gerade sein zweites Buch schreibt, stellt die „alte“ Lehrerin von Fußball-Profi Mesut Özil ihre Fotos für Vorträge zusammen oder feilt mit an einem Bildungsprojekt für NRW.
Vorab: Die Radtkes könnten mühelos mehr als eine Frühaufsteher-Ausgabe füllen! Beim Redaktionsbesuch finden wir immer neue Themen. Die Aktivitäten der beiden sind so vielfältig, dass mancher dafür zwei Leben bräuchte. Fangen wir an: Sybille kam als Tochter eines Frachterkapitäns zur Welt. In Sonderburg, denn ihre Mutter stammte aus Dänemark. Sybille ging in Bremerhaven zur Schule. Horst ist ein Borbecker Junge, aber auch zur Ruhrhalbinsel hatte er seit der Jugend Verbindungen: In Kupferdreh war er aktives Mitglied im Kaninchenzuchtverein KZV R153. Beste Erinnerungen hat er an sein Lieblingstier Peter, der gern Fahrrad fuhr. „Er hockte auf dem Gepäckträger, und wir radelten durch die Straßen.“ Das sorgte für Aufsehen. Radtkes Vater fiel im Krieg, Horst musste früh erwachsen werden, oft fehlte der nötige Beistand.
„Kinder und Jugendliche brauchen viel Rat, Hilfe und Unterstützung bei täglichen Problemen in Schule, Berufsausbildung, Elternhaus und Freundeskreis. Doch häufig sind Vater oder Mutter damit überfordert“, weiß er. Seit elf Jahren kümmert er sich ehrenamtlich in der „Sybille und Horst Radtke-Stiftung“ um junge Menschen, die – aus welchem Grund auch immer – in Schwierigkeiten stecken. Schlechte Noten, kriminelle Delikte, Streit mit Freunden oder den Eltern – die Radtkes und weitere ehrenamtliche Paten versuchen zu vermitteln. In der Familie, im Gespräch mit Lehrern oder gar vor Gericht. „Wenn das Kind, im wahrsten Sinne, in den Brunnen gefallen ist“, so Horst Radtke. Oft wirken Rentner oder Leute in der Stiftung mit, die neben ihrem Beruf einen Ausgleich in der Betreuung finden. Natürlich müssen die Eltern oder Sorgeberechtigten dazu ihr Einverständnis geben. „Derzeit kümmern wir uns um 21 Jugendliche.“ Finanzielle Unterstützung bietet die Stiftung für ausgewählte Projekte – von Pfadfinderfreizeiten und musikalischer Frühförderung bis hin zu Büchern für Schulbibliotheken. Der Bedarf ist groß, vor allem im Norden der Stadt.
In Gelsenkirchen-Bismarck war Sybille von 1983 bis 2005 an der Grundschule Marschallstraße. „Keine Stadt im Revier ist so arm wie Gelsenkirchen“, sagt die ehemalige Rektorin und berichtet von ihrem Einsatz in dem von Ausländern und Arbeitslosigkeit geprägtem Umfeld. Viele Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule. Gern hat sie dort gearbeitet und ist bis heute treuer Fan von Schalke 04. „Mesut Özil war einer meiner Schüler!“. „Meine Frau hat ihm das Fußballspielen beigebracht“, fügt Horst hinzu. „Mesut war immer ein ganz Lieber. Ich hoffe, dass er bei Real Madrid gut zurechtkommt“, wünscht Sybille dem Profi türkischer Abstammung. Auf Kreuzfahrten und in der knappen Freizeit zuhause in Überruhr widmet sie sich gern einer 5.000 Jahre alten Maltechnik. „Encaustic gab es vor der Ölmalerei“, erklärt sie und zeigt, wie’s funktioniert. Auf einem speziellen Bügeleisen wird farbiger Wachs erhitzt und auf Karten oder Keilrahmen aufgetragen. Dabei entstehen interessante Strukturen. Schon Leonardo Da Vinci setzte flüssige Wachsfarben für seine Werke ein.
Während seine Frau malt oder ihre Reisefotos am Laptop für Vorträge zusammenstellt, sitzt Horst am PC und schreibt. Frisch aus der Druckerei kommt in diesen Tagen „Faszination Kreuzfahrt“, ein Ratgeber für Seereisende und alle, die es werden möchten. Die Themen sind bunt gemischt, es finden sich Tipps zum stilvollen Benehmen an Bord, aber auch zur Reisevorbereitung. Es geht durchaus humorvoll zu, etwa wenn er die Reservierung von Liegen an Deck anspricht oder fragt, warum es im Bus nicht 30 Plätze in der ersten Reihe gibt. Das nächste Buch ist bereits in Arbeit. „Es geht um Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit.“ Von 1969 bis 2000 war Diplom-Sozialarbeiter Horst Radtke bei der AWO in Essen, davon 27 Jahre als Geschäftsführer.
addi
Info
Die gemeinnützig anerkannte „Sybille und Horst Radtke-Stiftung“ ist erreichbar unter Telefon: 0201/585656.
Ganz privat
Lieblingsmusik: Weltmusik, Schlager, Opern
Lieblingsfarbe: Lila (Sybille), Bunt (Horst)
Lieblingsessen: Thailändisch und chinesisch
Hobbys: Fotografieren, Encaustic (Sybille), Filmen und Schreiben (Horst)
schönster Urlaub: „Wir hatten bisher nur schöne Reisen!“
beste Eigenschaften: Zuverlässigkeit

